CHILE: Erdbeben und Armut

Solidarität mit Basisorganisationen: Unterstützung für den Nachbarschaftsrat von "El Estero" in Pencahue

In den frühen Morgenstunden des 27. Februar 2010 erschütterte ein Erdbeben weite Teile Chiles. In dem betroffenen Gebiet leben ca. 80 % der chilenischen Bevölkerung. Das Beben hatte eine Stärke von 8,8 Mw auf der Momenten-Magnituden-Skala und war das stärkste Erdbeben in Chile seit fast 50 Jahren und das fünft stärkste Beben, das weltweit seit Beginn der seismischen Aufzeichnungen im Jahr 1900 je gemessen wurde. Mehrere hundert Menschen kamen dabei zu Tode. Das Beben ließ ganze Städte in Trümmern zurück, Hunderttausende wurden obdachlos. Die Grundversorgung im Krisengebiet war zusammengebrochen. In den meisten Orten sind die Zerstörungen durch das Erdbeben auch Ende 2010 noch unübersehbar.
Unsere Solidaritätsgruppe hat sich entschlossen, beim Wiederaufbau einer zerstörten Siedlung in Pencahue zu helfen. Sie heißt El Estero – der Bach. Der Ort liegt 30 km von Talca, der Hauptstadt der Region Maule und 260 km südlich von Santiago entfernt. Das Epizentrum des Erdbebens befand sich ca. 100 km westlich von Pencahue im Pazifischen Ozean.
In El Estero leben ca. 250 Menschen, etwa die Hälfte im Rentenalter. Es gibt einen Nachbarschaftsrat, in dem die 61 dort lebenden Familien zusammengeschlossen sind. Die meisten Familien in El Estero sind arm und können von der Bewirtschaftung ihrer kleinen landwirtschaftlichen Flächen und der bescheidenen Viehzucht – vorwiegend Ziegen – nicht leben. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeiten sie als Saisonarbeiter und -arbeiterinnen auf den großen Weingütern der Umgebung.
Von den 61 Familien in El Estero konnten nach dem Erbeben nur fünf ihre Häuser bewohnen. Die Häuser in Pencahue sind hauptsächlich aus Adobe (Lehmziegel) gebaut und diese Häuser litten besonders unter dem Beben. Insgesamt wurden allein in Pencahue mehr als 1.200 Häuser zerstört.

Als Soforthilfe war nach dem Erdbeben die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser vorrangig. Mit Plastikplanen wurden noch bewohnbare Teile von Häusern provisorisch für den Winter (Mai – August) hergerichtet. Von staatlicher Seite wurden dann sehr schlichte Holzhütten (Mediaguas) als Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe der Spendengelder konnten die Mediaguas in El Estero noch im Mai mit Wellblechplatten einigermaßen winterfest gemacht werden.


Psychosoziale Folgen des Erdbebens
Der Journalist Rubén Andino macht in einem Bericht deutlich, welche große Bedeutung die Spendengelder über die rein materielle Hilfe hinaus, für die psychosoziale Situation der Erdbebenopfer haben. Fast alle müssen die Katastrophe als traumatisches Ereignis verarbeiten. Zahlreiche starke Nachbeben sorgten im Februar und März dafür, dass die Menschen ständig wieder in panische Angst versetzt wurden und zusehen mussten, wie ihre Häuser immer weiter einstürzten. Die Kommunikationsmöglichkeiten waren unterbrochen und alle hatten Angst, nicht nur um das eigene Leben und die eigene Gesundheit, sondern bangten um das Schicksal von Kindern, Verwandten und Freunden. Ein solches Beben kann auch soziale Beziehungen erschüttern. Der Kampf ums Überleben kann zu egoistischem und unsozialem Verhalten führen.
Die völlige Unsicherheit, wie es weitergehen soll, das eigene Ohnmachtsgefühl und das Gefühl von der übrigen Welt im Stich gelassen zu werden, können das Gemeinschaftsgefühl beschädigen und dazu führen, dass nur noch überlegt wird, wie das eigene Überleben gesichert werden kann.
Rubén Andino schildert, dass die Hilfe für El Estero ganz entscheidend dazu beigetragen hat, das soziale Netz in der Siedlung zu stabilisieren. Dies war ein Anreiz, die Zuversicht auf die gegenseitige Solidarität nicht zu verlieren. Die Hoffnung, dass andere Menschen in weiter Ferne, an ihrem Schicksal Anteil nehmen und sich um sie kümmern, ist für eine Bevölkerung, die immer in Armut und Vergessenheit gelebt hat, von herausragender Bedeutung. Alle weiteren Spenden dienen nun der Finanzierung von Baumaterial, mit der die Einwohner von El Estero den Wiederaufbau von Häusern in Eigeninitiative und mit viel nachbarschaftlicher Hilfe bewerkstelligen. Als Problem beim Wiederaufbau hat sich herausgestellt, dass die Eigentumsrechte der Grundstücke nur unzureichend bei den Behörden dokumentiert sind. Dies erschwert insbesondere den ärmsten Familien den Zugang zu öffentlichen Förderprogrammen. Ein großer Spender unserer Hilfsaktion hat dem Nachbarschaftsrat von El Estero angeboten, bei der Finanzierung eines Juristen zu helfen, der dieses Hindernis beim Wiederaufbau aus dem Weg räumen soll.

Wie sieht es Ende 2010 in El Estero aus?
In diesem Frühling (September–November) haben die Bauern bereits wieder ihre Felder bestellt und das Tal ergrünt inzwischen mit seinen Gemüsefeldern und Obstbäumen. Kleine Bio-Projekte sowohl im Landbau als auch in der Viehzucht sind in Planung. Als positiver Nebeneffekt der isolierten Lage und der Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Kleinstbetrieben ist in El Estero nichts von der Umweltbelasung der Agroindustrien zu spüren. Wasser und Luft sind sauber, die Erde ist nicht mit Industrierückständen kontaminiert und die Produkte weisen eine verschwindend geringe Verunreinigung durch Pestizide auf.

Angélica Cárcamo
Angélica Cárcamo ist die Präsidentin des Nachbarschaftsrats von El Estero. Sie kümmert sich quasi rund um die Uhr um die vielfältigen Probleme in der Siedlung. Dabei hat sie nicht genügend Zeit gefunden, um dafür zu sorgen, dass ihr eigenes Haus wieder in Stand gesetzt wird. Die Mauern ihres Hauses weisen Risse auf, Balken und Böden zeigen noch die Spuren des Erdbebens und das Dach ist immer noch nicht richtig dicht.
Während des Tages kann sie sich zwar in dem beschädigten Haus aufhalten, das sie von ihren Eltern geerbt hat. Nachts aber schläft sie in der Mediagua neben ihrem Haus. Es ist der einzige sichere Ort im Fall eines Nachbebens.
Mit den Hilfsmaterialien hat sie begonnen das Badezimmer des Hauses zu reparieren. Sie besteht fest entschlossen und mit einem gewissen Grad an Sturheit darauf, dass der größte Teil des Hauses zu retten ist und sie weiter darin leben möchte. Wenn sie vom 27. Februar und den Tagen danach spricht, versagt ihre Stimme und Tränen fließen über ihr Gesicht.
„Im Namen des Nachbarschaftsrats danke ich unseren deutschen Freunden für die solidarische Hilfe, die wir in dem Moment, wo wir sie am meisten brauchten, erhalten haben.“
„Wir sind Menschen ohne große Besitztümer und leben von der Landwirtschaft. Anfänglich waren wir 61 Familien, aber nach dem Erdbeben sind mehr Menschen hierher gekommen. Einige Jugendliche, Söhne und Töchter unserer NachbarInnen, die weggezogen waren, haben die Häuser in denen sie anderorts wohnten, durch das Erdbeben verloren und sind zurückgekehrt, um wieder bei uns zu leben.“
„Niemand hat El Estero nach der Katstrophe verlassen. Die Menschen lieben diese Gegend und viele haben ihre Häuser in Eigenarbeit, mit Hilfe ihrer Familien oder den Nachbarn wieder aufgebaut. Es fehlt so wie so an Schreinern und Maurern und die Preise der Bauarbeiten sind nach dem Erdbeben in die Höhe geschnellt. Die einzige Möglichkeit, die in fast allen Fällen bleibt, ist der Bau in Eigeninitiative.“
„Das Erste was ich an dem Unglückstag getan habe, war alle Mitglieder des Nachbarschaftsrats zu besuchen. Fünf Häuser waren total zerstört und 95 % waren unbewohnbar. Ich habe eine detaillierte Aufstellung der Zerstörungen an die Gemeindeverwaltung übergeben. Wir versuchten uns gegenseitig zu unterstützen mit Dingen, die wir hatten. Erst in der zweiten und dritten Woche kam Hilfe.“
„Zuerst erhielten wir Nahrungsmittel und Kleidung aus Argentinien von Rotary International. Dann kam das Rote Kreuz und mit seiner Unterstützung machten wir eine komplette Umfrage, um zu ermitteln, was jede Familie dringend benötigt. Dann erfuhren wir von der Möglichkeit, Hilfe aus Deutschland zu bekommen. Als das erste Geld auf unserem Konto war, haben wir 360 Wellblechplatten – die größten und besten – für die 61 Familien, d. h. praktisch 6 pro Familie gekauft. Danach kamen die Mediaguas von der Gemeindeverwaltung.
Mit der zweiten Überweisung aus Deutschland kauften wir 500 Eternitplatten, die es uns ermöglichten, die Mediaguas winterfest zu machen. Eine Baustoffhandlung in Pencahue handelte in direkten Gesprächen mit der Produktionsfabrik einen guten Preis für uns aus. Die Familien setzten dann diese Materialien nach ihren Bedürfnissen ein.“

Stimmen aus El Estero
Wenn wir die Landschaft von einem nahegelegenen Hügel aus betrachten, schreibt Rubén Andino, dann leuchten im Sonnenlicht die Wellblechdächer als ein Symbol des Wunsches der Einwohner, die Tragödie zu überwinden.
Die Stimmung ist optimistisch und das kommt in den Aussagen der Betroffenen zum Ausdruck. Sie haben das Ausmaß der Zerstörung noch sehr genau vor Augen und sie sehen recht deutlich, wie effektiv die Baumaterialien eingesetzt wurden, die mit der Unterstützung aus Deutschland gekauft wurden.

Constanza Urbina
Constanza Urbina: „Der Winter ist hier sehr hart und die Kinder leiden am meisten unter der Kälte. Wir leben hier zu viert, zwei Kinder und zwei Erwachsene. Mit den Materialien brachten wir das Badezimmer in Ordnung, verkleideten die Deckeeines der Schlafzimmer und dichteten eine Diele ab, die offen war.“

Juana del Carmen Mendoza
Juana del Carmen Mendoza: „Ich lebe hier mit meinem Ehemann. Das Haus war nicht mehr bewohnbar. Ungefähr zwei Monate lebten wir im Freien, dann erhielten wir ein Zelt, in dem wir wohnten, bis wir eine Mediagua erhielten, die wir mit den Wellblech- und Eternitplatten ausbauen konnten.“

María Mendoza Lepe
María Mendoza Lepe: „Ich lebe hier zusammen mit meiner ledigen Tochter. Mit den stehen geblieben Mauern unseres alten Hauses zimmerten wir eine Notwohnung, die wir mit den Materialien aus Deutschland ausgebaut haben. Wir konnten eine Küche einrichten und ein Schlafzimmer von innen abdichten.“

Cecilia Espinoza
Cecilia Espinoza: „Wir sind zwei junge Erwachsene mit unserer Tochter. Das Haus stürzte durch das Erdbeben vollständig ein. Zunächst mussten wir im Freien übernachten, wohnten dann in einem Zelt und am Winteranfang bekamen wir eine Mediagua, die wir mit den Eternit- und Wellblechplatten ausbauen konnten.“

María Elisa Díaz
María Elisa Díaz: „Zum Zeitpunkt des Erdbebens war ich in Ovalle (Nordchile) und als ich zurückkam, fand ich mein Heim unbewohnbar vor. Mein Ehemann und die Kinder schliefen in unserem Kleinlastwagen. Dank der Wellblech-und Eternitplatten haben wir unser neues Haus, das wir jetzt nach und nach bauen, abdichten und erweitern können.“

Manuel Mendoza
Manuel Mendoza: „Meine Frau, meine Kinder und ich fühlten uns nach dem Beben sehr hilflos. Unser
Haus war nur noch eine Ruine und wir mussten es abreißen. Gestützt auf eine Mediagua, die wir nach dem Erdbeben erhalten haben, bauten wir ein neues Haus auf den Fundamenten des alten. Wir haben einen Teil des Holzes nutzen können, das wir aus der zerstörten Wohnung retten konnten und wir nutzten die Materialien aus Deutschland, um zwei Schlafzimmer zu verkleiden und eine Aussendiele abzudecken.“


Spenden bitte auf das Konto der Humanitären Cuba Hilfe
Stichwort: Chile
Konto.-Nr.: 91016036
Sparkasse Dortmund, BLZ 44050199

Die HCH kann als anerkannter mildtätiger Verein auch Spendenquittungen ausstellen.

Wellblechplatten für alle Nothütten
Am 17. Mai konnten für alle Nothütten Wellblechplatten übergeben werden, mit denen die Unterkünfte jetzt winterfest sind. Hierfür wurden die bisher gespendeten 6.400 Euro eingesetzt. Von den weiteren Spenden wird Baumaterial gekauft, das zum Ausbau der Hütten dient.



Benefizveranstaltung in Bonn
Durch eine ehrenamtliche organisierte Feier am 21.3.2010 im Frauenmuseum in Bonn, zu der sehr viele begeisterte Besucher kamen, hat das Projekt 2.927 Euro erhalten. Wir danken allen beteiligten Musikern, DJs, Spendern, Helfern und Besuchern!
Ein Fotobericht



Bio-Anbau
Mehre Familien in El Estero planen die Umstellung ihrer kleinen landwirtschaftlichen Betriebe auf Bio-Anbau. Die Voraussetzungen dafür sind recht gut.